​In Deutschland erkranken jährlich nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums 400.000 bis 600.000 Menschen an Infektionen, die sie sich in einem Krankenhaus zugezogen haben und 15.000 Menschen sterben daran…

In Deutschland erkranken jährlich nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums 400.000 bis 600.000 Menschen an Infektionen, die sie sich in einem Krankenhaus zugezogen haben und 15.000 Menschen sterben daran. Das sind mehr als viermal so viel, wie jährlich im Straßenverkehr (2013: 3.339 Verkehrstote) sterben. Wenn man dann noch die Ausgaben für die Verkehrssicherheit mit denen für die Bekämpfung und Verhinderung von Krankenhausinfektionen miteinander vergleicht, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein riesiger Skandal wird offensichtlich, der seinen Nährboden in Vertuschung, falschen Sparmaßnahmen, fehlgeleiteter Politik und fragwürdiger Lobbyistenarbeit findet.

Multiresistente Erreger nur das kleinere Problem

Multiresistente Keime, in den Medien häufig auf die irreführende Abkürzung MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) reduziert, sind dabei derzeit nur ein kleiner Teilaspekt des Problems. Unter dem Oberbegriff sind jene Gruppe von Erregern zusammengefasst, die kaum oder überhaupt nicht auf eine klassische Antibiotikabehandlung ansprechen. Das Nationale Referenzzentrum der Berliner Charité geht von höchstens 6.000 Todesfällen durch multiresistente Erreger aus. Diese natürlich immer noch viel zu große Zahl ließe sich aber genauso effizient durch vernünftige Aufklärung, kluges Management und zielgerichtete Politik reduzieren, wie die 9.000 Toten, die an „normalen“ Krankenhausinfektionen sterben.

Das konsequente Pushen von MRSA in der öffentlichen Wahrnehmung durch Presseartikel und TV-Beiträge soll vielmehr vom Kern des Problems ablenken: Die Hygienestandards in zahlreichen deutschen Krankenhäusern sind stark verbesserungswürdig.

Prävention ist der Schlüssel

Bild: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Menschen, die sich in ein Krankenhaus für eine stationäre Therapie begeben müssen, sind entweder ernsthaft erkrankt oder haben eine größere Operation vor sich. Bei sehr vielen schweren Erkrankungen und in der ersten Phase nach einem größeren chirurgischen Eingriff ist die körpereigene Abwehr geschwächt und kann sich nur unvollkommen gegen Erreger, die abseits dieser Rahmenbedingungen relativ harmlos wären, zur Wehr setzen. Gleichzeitig gibt es in Krankenhäusern einzelne Patienten, die einen massiven Pool für schwer behandelbare Erreger darstellen und andere Mitpatienten anstecken. Krankenhausinfektionen gehen oft auf einen einzigen Patienten zurück, der die ursprüngliche Quelle für alle anderen Erkrankten darstellt. Man kann nicht verhindern, dass einzelne Menschen aufgrund ihrer individuellen Erkrankung ein derartiger Wirtspool für Erreger sind, aber man kann die Infektionskette, also die Übertragung auf andere Patienten unterbrechen. Das wiederum geht nur über ein professionelles Management im Sinne einer optimalen Vorbeugung.

Der Bundesgesundheitsminister hat Ende März einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt, mit dessen Hilfe die erschreckende Zahl an Krankenhausinfektionen eingedämmt werden soll. Aber hier regt sich bereits Widerstand seitens bestimmter Interessensvertretungen, die höhere Ausgaben im Allgemeinen und Umverteilung von gedeckelten Versicherungsbeiträgen befürchten. Wenngleich jene Gruppierungen die Neuorganisation der Krankenhaushygiene auf Dauer nicht verhindern können, so werden sie auf jeden Fall ein Inkrafttreten der Regeln stark verzögern. Dabei führt es auf Dauer eher zu Einsparungen, wenn jährlich nicht mehr rund eine halbe Million Leute wegen im Krankenhaus zugezogenen Infektionen therapiert werden müssten, Menschen, die dann auch früher wieder auf ihren Arbeitsplatz zurückkehren würden.

Aus- und Weiterbildung in Sachen Hygiene verbessern

Bild: Jörg Brinckheger / pixelio.de

Nach Meinung von Karl-Josef Laumann, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, sind die allermeisten Krankenhausinfektionen und der Folgeschäden vermeidbar. Obwohl bereits 2011 das Gesetz zur Krankenhaushygiene verschärft wurde, hat sich nichts Nennenswertes geändert. Sowohl Klinikmitarbeiter, als auch Patienten und Besucher hätten ein Verhaltensproblem, was Hygienestandards betrifft. Unabdingbare Voraussetzung für eine Verhaltensänderung ist aber eine entsprechende Aus- und Weiterbildung, nicht nur des Fachpersonals in den Kliniken, sondern breiter Bevölkerungsgruppen.

Und hier wäre dann der Staat, bzw. die Kultusministerien wiederum am Zug, indem bereits in der Schule verbindliche Lehrpläne in Sachen Hygiene eingeführt werden. Das müsste weder zeitlich noch finanziell einen breiten Raum einnehmen. Es geht vielmehr darum, möglichst früh in der Erziehung von Kindern eine Sensibilisierung für Hygienemaßnahmen zu schaffen und in kontinuierlicher Aus- und Weiterbildung auch im Erwachsenenalter dafür Sorge zu tragen, dass diese Standards ständig geistig präsent bleiben.

Holland hat Vorbildfunktion

Bild: Michael Bührke / pixelio.de

Die Zahl der Krankenhausinfektionen ist in Deutschland 20 Mal höher als bei unserem nordwestlichen Nachbarn, den Niederlanden. Und das kommt nicht von ungefähr. Jedes holländische Krankenhaus hat einen hauptamtlichen Krankenhaushygieniker, der die Ausbildung des Fachpersonals überprüft, und sich um die Einhaltung der Standards kümmert. Zudem werden Risikopatienten generell auf latente Infektionen gescannt, bevor sie ins Krankenhaus aufgenommen werden. Erreger können so schon sichtbar gemacht werden, bevor jemand daran erkrankt. Patienten mit multiresistenten Keime können direkt auf Isolierstationen behandelt werden und somit wird die Infektionskette unterbrochen.

Mittlerweile sind die von der Presse so oft beschworenen MRSA Keime in Deutschland eher rückläufig, weil man sich am holländischen Procedere orientiert. Warum eigentlich kann man das nicht auf die gesamten deutschen Krankenhaushygienestandards ausdehnen?

Bildquelle Titelbild: berggeist007 / pixelio.de

Krankenhausinfektionen
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