Mal ganz ehrlich: Sie waren bei Ihrem Hausarzt, der dann ein Rezept für ein Medikament gegen Ihre Beschwerden ausgestellt hat. Schnell noch in die Apotheke,…

Mal ganz ehrlich: Sie waren bei Ihrem Hausarzt, der dann ein Rezept für ein Medikament gegen Ihre Beschwerden ausgestellt hat. Schnell noch in die Apotheke, das Mittel abgeholt und zuhause fällt Ihnen beim Auspacken der Tabletten der Beipackzettel in die Hand. Als mündiger Bürger wollen Sie natürlich gut informiert sein und lesen ihn sorgfältig durch. Schon während der Lektüre läuft Ihnen ein Schauer über den Rücken und nach deren Beendigung verschwenden Sie keinen ernsthaften Gedanken mehr daran, das Medikament auch tatsächlich einzunehmen. Im besten Fall wandert es in den Badezimmerschrank, im schlechtesten Fall sofort in den Mülleimer.

Noch nie vorgekommen? Dann gehören Sie tatsächlich eher zur Ausnahme, kennen aber bestimmt etliche Mitmenschen, die so oder so ähnlich verfahren. Vieles, was man auf dem Beipackzettel erfährt, wurde von den Juristen der Pharmaunternehmen formuliert, die dabei vor allem eins im Sinn haben: Die Firma vor möglichen Schadensersatzforderungen von Patienten zu schützen. Daher wird im Beipackzettel versucht, jede nur erdenkliche Form von Gefahr, Wechsel- oder Nebenwirkung aufzuführen.

Nachfolgend ein kleiner Leitfaden, damit Sie die Informationen auf dem Beipackzettel richtig einordnen und interpretieren können. Um die oben erwähnten Juristen zu bemühen, sind selbstverständlich alle Angaben ohne Gewähr! 🙂

Bild: Andrea Damm / pixelio.de

Die Dosis macht das Gift

Das Sprichwort ist unter Medizinern schon seit dem Altertum bekannt und hat seither nicht an Gültigkeit verloren. Beinahe jedes Mittel hat seinen therapeutischen Bereich. Wird er unterschritten, tritt keine Wirkung ein und wird er überschritten, kann das Mittel sogar schädlich für den Organismus sein. Oft gibt der Arzt klare Anweisungen auf dem Rezept, wie viel von einem Medikament einzunehmen ist. Unterlässt er es, sollten Sie sich genau an die Dosisangabe des Beipackzettels halten. Wenn dort steht: „3 x täglich eine Tablette“, bedeutet das nicht, dass Sie alle 3 Tabletten auf einmal einnehmen können, sondern dass Sie die Tabletten über den Tag verteilen sollten und etwa 8 Stunden Abstand zwischen 2 Einnahmen legen.

Besonders wichtig ist auch die mögliche Angabe einer Höchstgrenze. Wenn, wie bei Schmerzmitteln oft üblich, angegeben ist, dass Sie insgesamt nicht mehr als 7 Tage am Stück den Wirkstoff einnehmen sollen, halten Sie sich bitte auch daran. Wenn Sie den Hinweis ignorieren, kann das unter Umständen zu einer gewissen Abhängigkeit führen oder Organe wie Leber und Niere können dauerhaften Schaden nehmen.

Umgekehrt kann es ganz heftige Folgen haben, wenn Sie manche Medikamente absetzen, bevor die empfohlene Dauer der Therapie an Behandlungstagen erreicht ist.

Dazu ein Beispiel: Sie haben eine Entzündung und Ihr Arzt verschreibt Ihnen ein Antibiotikum. Meist wirken diese Arzneimittel ganz ausgezeichnet und nach ein oder zwei Tagen haben Sie keine Beschwerden mehr. Wenn Sie jetzt auf die Idee kommen sollten, das Medikament entgegen ärztlichen Rates abzusetzen, kann dies gefährliche Situationen hervorrufen. Auch wenn Sie keine Symptome mehr zeigen, sind noch jede Menge Krankheitserreger in Ihrem Körper. Bei zu frühem Absetzen des Antibiotikums vermehren sich die Erreger wieder ungebremst und rufen nach einiger Zeit erneut die Krankheitssymptome hervor. Mit dem Unterschied, dass die Erreger mittlerweile eine Widerstandskraft gegen das Mittel entwickelt haben und deutlich schwerer zu bekämpfen sind.

Hinweise auf Nebenwirkungen verstehen

Mittlerweile ist es auf jedem Beipackzettel üblich, dass die Angaben zu Nebenwirkungen nach deren Häufigkeit aufgelistet werden.

Dabei gibt es generell 5 Einteilungen:

  • Sehr häufig, bedeutet das mindestens 10 % aller Patienten die Nebenwirkung zeigen.

Häufige Nebenwirklungen sind oft nur Unannehmlichkeiten wie Juckreiz, Mundtrockenheit, leichte Kopfschmerzen oder leichte Übelkeit.

  • Häufig, bedeutet, dass mindestens jeder Hundertste, aber weniger als jeder Zehnte, die Nebenwirkung zeigen. Häufige Nebenwirkungen sind also deutlich weniger häufig, als das Wort uns glauben machen will.

Und jetzt kommen wir auch schon zu den Exoten:

  • Gelegentlich, bedeutet, dass weniger als 1 % der Patienten, aber mehr als 1 von 1.000 die Nebenwirkung zeigt. Wenn also jeder Einwohner eines typischen deutschen Dorfes das Medikament einnehmen würde, kann es durchaus sein, das kein Einziger eine gelegentliche Nebenwirkung aufweist.
  • Selten, bedeutet, dass weniger als 1 von 1.000, aber mehr als 1 von 10.000 Patienten, die Nebenwirkung bekommt. Bei derartig selten auftretenden Ereignissen sollte man nie vergessen, dass statistische Verfahren in den Randbereichen immer an ihre Grenzen stoßen. Menschen sind nun mal keine statistischen Zahlen und der Körper ist ein komplexes biologisches System. Wenn eine seltene Nebenwirkung auftritt, muss man auch immer die Zusammenhänge erfassen, in welchem persönlichen Umfeld, unter welchen individuellen Lebensumständen die Nebenwirkung aufgetreten ist.
  • Sehr selten, bedeutet, dass weniger als 1 von 10.000 Konsumenten eine bestimmte Nebenwirkung zeigt. Hier bewegen wir uns schon in echten Grenzbereichen. Nehmen wir einmal an, dass 100.000 Frauen über 10 Jahre eine ganz bestimmte Antibabypille einnehmen. Wenn jetzt 5 von ihnen in dem Zeitraum eine schlimme Krankheit, wie beispielsweise Multiple Sklerose entwickeln, wäre das unter dem Punkt „sehr seltene Nebenwirkungen“ aufgeführt, weil sich der Hersteller rechtlich absichern will. Andererseits ist es durchaus zu erwarten, dass in einer Gruppe von 100.000 Frauen, die alle keine Pille einnehmen, innerhalb von 10 Jahren ebenfalls 4 bis 6 Fälle von Multipler Sklerose auftreten.

Man darf nicht vergessen, dass alle in der EU legal auf dem Markt befindlichen Medikamente eine Zulassung der entsprechenden Behörden haben. Hier wird einerseits die Wirksamkeit, andererseits die Unbedenklichkeit in sehr strengen Prüfverfahren abgeklärt. Außerdem werden auch zugelassene Medikamente ständig überwacht und auf Gefahren und Nebenwirkungen überprüft.

Die unter gelegentlich, selten und sehr selten aufgeführten Nebenwirkungen sollten nie ein Grund sein, ein ärztlich verordnetes Medikament nicht einzunehmen!

Ein weiterer Punkt, der gerne Verwirrung erzeugt, sind die sogenannten

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen haben überhaupt nichts mit Nebenwirkungen zu tun, sondern treten in Kombination mit anderen Medikamenten auf, die Sie zeitgleich einnehmen. Diese Wechselwirkungen sind höchst unterschiedlicher Natur. 2 bestimmte Medikamente können sich beispielsweise gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken, so dass es Symptome wie bei einer Überdosierung geben kann. Umgekehrt können 2 Medikamente sich gegenseitig in ihrer Wirkung hemmen, so dass kein therapeutischer Effekt eintritt. Wechselwirkungen sind so unterschiedlich und individuell in ihrer Ausprägung, dass nur der behandelnde Arzt oder ein Apotheker hier Entscheidungen über Kombinationen treffen kann. Deswegen ist es äußerst wichtig, dass Ihr Arzt oder Apotheker wirklich alle Präparate kennt, die Sie einnehmen.

Aber nicht nur andere Medikamente, sondern auch Lebensmittel, Alkohol oder Tabak und sogar Sonnenlicht können Wechselwirkungen mit Medikamenten hervorrufen. Achten Sie dabei genau auf die Angaben im Beipackzettel.

Zusammenfassend gilt: Wenn Ihr Arzt Ihnen ein Medikament verschrieben hat, macht er dies aus gutem Grund unter Abwägung der Wirkung und der möglichen Risiken. Grundsätzlich schaden Sie sich selbst häufiger, wenn Sie das Mittel nicht einnehmen, weil Ihnen die auf dem Beipackzettel erläuterten Risiken zu hoch erscheinen. Sollten Sie mit einer Verschreibung nicht einverstanden sein, sprechen Sie lieber erneut mit Ihrem Arzt, um eine Alternative zu finden.

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